KLIMAWANDEL
Wie das Klima auch wird, das Wasser steigt
Von Torsten Thomas

Der Klimawandel mit all seinen Auswirkungen ist an sich nichts Neues. Schwer greifbar sind hingegen die Auswirkungen der globalen Erderwärmung. Dass in der Nordsee die Wasserstände steigen und viel Geld für den Deichbau ausgegeben werden muss, ist sicher. Unklar ist aber bereits ein wichtiges Detail: Nämlich, welche Höhe der Meeresspiegel in 100 Jahren haben wird.
„Die eine Annahme geht davon aus, dass der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um 30 Zentimeter steigt, in einem anderen Szenario wird eher ein Meter erwartet. Das ist schon eine ziemliche Spanne. Bei den zu erwartenden Folgen des Klimawandels geht es aber immer um große Korridore und viele Möglichkeiten, weil wir keine beziehungsweise wenig Erfahrungen mit den Klimaveränderungen, ihren möglichen Folgen und der Wirksamkeit von Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung haben“, beschreibt Dr. Thomas Klenke die Situation und die Unsicherheiten in der Forschung. Der Geologe arbeitet am Zentrum für Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Oldenburg. Er hat sich in mehreren europäischen Projekten mit Optionen der Klimaanpassung im Küstenraum beschäftigt und beteiligt sich aktuell an COMTESS (Sustainable Coastal Land Management: Trade- offs in Ecosystem Services).
Kontrolliertes Überströmen von Deichen
In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 3,3 Millionen Euro geförderten Projekt geht es darum, Szenarien zu entwickeln, die sich auf die deutschen Küstenregionen an Nord- und Ostsee übertragen lassen. Darin fließen auch neuere Möglichkeiten im Küstenschutz und in der Wasserwirtschaft ein. Dabei werden ein kontrolliertes Überströmen von Deichen und mehr Polder in die Überlegungen eingebunden. Es wird unter anderem geprüft, welche positiven wie negativen Effekte Überflutungen auf die Landnutzung haben könnten oder ob sich mehr Kohlenstoff in anderen Pflanzenarten wie Röhricht speichern lässt, der sich gleichzeitig für die Energiegewinnung ernten ließe.
Unstrittig ist, dass der Klimawandel die Küstenregionen in Form von Sturmfluten, steigenden Wasserpegeln oder größeren Regenmengen stark unter Druck setzen würde und Anpassungsmaßnahmen zu Nutzungskonflikten hinter dem Deich führen. Allein in den letzten 100 Jahren ist der Meeresspiegel in der Nordsee um 26 Zentimeter gestiegen. Das liegt zum einen an den Nachwirkungen der letzten Eiszeit. Weil das Eis auf dem Skandinavischen Schild schmilzt, wird der Gebirgszug leichter. Er hebt sich dadurch an und sorgt dafür, dass sich der Festlandssockel an unseren Küsten senkt und mehr Wasser aus dem Atlantik in die Nordsee fließt. Zu dieser Landsenkung trägt auch die Ausbeutung von unterirdischen Öl- und Gasvorkommen bei. Letztlich dürfte sich auch der Temperaturanstieg schon bemerkbar gemacht haben, weil wärmeres Wasser sich stärker ausdehnt als kaltes und so mehr Raum benötigt.
Wie der Klimawandel sich auswirken wird, kann man nicht mit Gewissheit voraussagen
Was in den nächsten 100 Jahren tatsächlich passieren wird, kann keiner voraussagen. Wissenschaft und Gesellschaft nutzen deshalb Szenarien, in denen begründete Annahmen über die einzelnen Prozesse in Natur und Gesellschaft zu einer plausiblen Vorstellung über die zukünftige Situation zusammenlaufen. Wissenschaftler versuchen, mit unterschiedlichen Modellen und Studien verschiedene Szenarien zu verfeinern und auf Regionen abzubilden sowie Einschätzungen über die Phänomene wie häufige Sturmfluten oder Dauerregen im Sommer zu geben. Eine Gewissheit darüber, wie sich der Klimawandel auswirken wird, gibt es aber nicht. Die Forscher erweitern zwar ihr Wissen, sie werden aber vermutlich auch in 20, 50 oder 100 Jahren keine klaren Antworten liefern können: „Wir können nicht bestimmt sagen, ob und wann der Golfstrom einschläft oder sich die Strömungen der Tief- und Hochdruckgebiete ändern, da sich die Klimaänderungen über sehr lange Zeiträume hinweg erstrecken. Es geht darum, die Effekte zu beobachten und herauszufinden, ob sie sich überhaupt mit anderen Phänomenen koppeln lassen. Ein schnelles Abschmelzen aller Gletschermassen wäre zum Beispiel außerhalb unseres Erfahrungshorizontes. Da zu wenig Wissen vorhanden ist, müssen wir vorsichtig mit der Erde umgehen“, erläutert Klenke.
Salzwiesen können mitwachsen
Herausgefunden haben die Forscher bereits, dass die Salzwiesen vor den Deichen bei einem Anstieg der Nordsee von zirka 30 Zentimetern mitwachsen und ihre wichtige Funktion als Wellenbrecher und Naturraum für Tiere und Pflanzen erhalten bleibt. Wenn der Meeresspiegel aber über diese Marke klettert, können Salzwiesen verloren gehen und sich das Watt als Lebensraum für Tiere und Pflanzen stark verändern. Am Ende würde das zum Weltkulturerbe der Menschheit gehörende System Wattenmeer, so wie wir es heute kennen, bei zu großen Veränderungen nicht mehr funktionieren. Offen ist die Frage, wie die Gesellschaft mit den wenigen harten Fakten und den mehr oder weniger drastischen Szenarien umgehen und ob sie sich anpassen wird. Sie könnte frei nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ das Problem auf nachfolgende Generationen verschieben oder handeln. „Zum Klimawandel leisten viele Menschen einen Beitrag. Daher können wir uns nicht aus der Verantwortung ziehen. Jeder hat die Chance, seinen Anteil an einer Begrenzung der Erderwärmung und zur Anpassung an den Klimawandel zu leisten“, betont Klenke.
125 Kilometer Deichlinie müssen erhöht werden
In den niedersächsischen Küstenregionen lassen sich die ökonomischen Auswirkungen bereits konkret beziffern. Der niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und die 22 niedersächsischen Deichverbände sind für die Sicherheit von 1.143 Kilometer Deich verantwortlich. Seit dem Jahr 1995 wurden bereits zwei Milliarden Euro in die Deiche gesteckt und im Jahr 2007 ein überarbeiteter Generalplan für den Küstenschutz aufgestellt. Diese Bestandsaufnahme führte zu dem Ergebnis, dass gut 125 Kilometer Deichlinie zu niedrig sind. Das war allerdings, bevor es einen Zuschlag für den Klimawandel auf die Deichkrone gab. Hinzu kam neben den eiszeitlichen Spätfolgen ein weiterer Puffer von 25 Zentimetern, sodass bei der Ermittlung der notwendigen Ausbauhöhe zu niedriger Deiche ein „Klimazuschlag“ von 50 Zentimetern zu Buche schlägt.
Dafür sind große Mengen Klei notwendig, deren Beschaffung die Deichbauer vor ziemliche Probleme stellt. Dieser wenig wasserdurchlässige Boden bildet die schützende Hülle der Deichhaut. In früheren Zeiten wurde er in den sogenannten Pütten gewonnen, die sich meist im Deichvorland befanden. Seit 1985 ist das Wattenmeer aber ein großes Naturschutzgebiet, in dem der Abbau bisher nicht erlaubt ist. Auch die Gewinnung hinter dem Deich ist schwierig, obwohl eine Analyse ergab, dass theoretisch auf 3.400 Quadratkilometern der Abbau des wichtigen Baustoffes möglich wäre. Tatsächlich gibt es aber Nutzungskonflikte mit der Land- und Forstwirtschaft, dem Naturschutz oder dem Tourismus. Weil Flächen etwa für den Maisanbau hoch gehandelt werden, geht vieles über den Preis. „Das macht den Deichbau natürlich teurer. Grundsätzlich wird es aber immer schwieriger, überhaupt Flächen zu bekommen“, macht Rainer Carstens, Leiter des Geschäftsbereiches Planung und Bau beim NLWKN, deutlich. Fakt ist deshalb, dass wichtige Flächen für den Kleiabbau und damit den Deichschutz fehlen. Es tut sich zwar noch keine sichtbare Lücke auf, aber: „Es gibt Deichabschnitte, wo es ohne Probleme läuft, und andere, wo sich jetzt schon Konflikte abzeichnen“, so Carstens.
Die neuen Deiche benötigen große Mengen Klei
Eine Alternative, die aber keiner so richtig will, wäre beispielsweise eine Asphaltierung der Deichflächen oder der Einsatz von Beton. Wohl auch deshalb hatte der Landkreis Friesland 2010 zum ersten Mal seit zehn Jahren die großflächige Entnahme von Klei im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer in engen Grenzen erlaubt. Schließlich regeneriert sich der Eingriff über einen langen Zeitraum durch die Gezeiten und die Ablagerung von Schlamm selbst. „Das ist ein wichtiger Beitrag zum Küstenschutz, löst aber unser Problem nicht“, bestätigt Carstens. Trotz aller Schwierigkeiten mit dem Kleiabbau seien die Deiche an unseren Küsten noch nie so sicher wie jetzt gewesen. Dafür, dass sie jedem Orkan standhalten, gibt es aber genauso wenig Gewissheit wie beim Klimawandel. „Über den Anstieg des Meeresspiegels wird viel diskutiert, aber nicht über extreme Stürme mit hohen Wellen, die Tage andauern und das Wasser in die Nordsee drücken. Auch diese Ereignisse können das System Wattenmeer verformen. Darum sollten wir nachhaltig denken und arbeiten“, fordert Carstens.
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