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HONIGBIENEN

Eine der ältesten Allianzen des Planeten Erde

Von Barthel Pester

Es könnte so schön summen in Niedersachsens Orchestergräben. Die Musikanten trügen lautmalerische Namen wie Große Wollbiene, Sägehornbiene, Pelzbiene oder Zottelbiene. Allein in Deutschland leben mehr als 500 Bienenarten. Wissenschaftler haben erstmals berechnet, welche Werte weltweit von Insekten wie der Honigbiene geschaffen werden. Für das Jahr 2005 kamen sie auf ein Ergebnis von 150 Milliarden Euro, ein Zehntel des Gesamtwerts der Nahrungsmittelproduktion weltweit.

Dies könnte eine volkswirtschaftliche Erfolgsgeschichte sein, die täglich weltweit Spitzenwerte an den Börsen abräumt. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet ist die Biene ein Bestseller, denn sie bestäubt seit 110 Millionen Jahren Pflanzen. Zum Vergleich: Der Vorfahr des Menschen hat vor gerade einmal 3,6 Millionen Jahren für sich den aufrechten Gang entdeckt. „Jede Biene ist hoch spezialisiert. Alle Talente in einem Stock vereint, ergibt einen Superorganismus“, erklärt der Berufsimker Holger Fuchs-Bodde-Gottwald aus Badbergen-Wehdel im Osnabrücker Land.
Ein gesundes Bienenvolk besteht im Frühling aus 40.000 Tieren, von denen bis zu 20.000 in einem Radius von zwei oder drei Kilometern ausschwärmen, Nektar und Pollen sammeln und nebenbei den Blütenstaub von Pflanze zu Pflanze verteilen. Doch dieser Superorganismus ist bedroht. Immer mehr Bienenvölker sterben weltweit, auch in Niedersachsen stirbt die Biene lautlos. Ihr fehlt Futter, sie wird zunehmend schwach und krank. Nach der Rapsblüte findet die Biene mitten im Sommer, mitten im Agrarland Niedersachsen kaum noch Nahrung. Was unseren menschlichen Augen schön grün vorkommt, ist für die Biene eine Wüste ohne Blüten. Intensiv betriebene Landwirtschaft mit Monokulturen so weit das Auge reicht hält keine Blüten und Pollen vor.
Bienen sind empfindliche Tiere und so schwindet ihre Widerstandskraft, weil ihnen die industrialisierte Landwirtschaft immer weniger Nahrungsvielfalt bietet. Sie leiden unter den Rückständen von Pflanzenschutzmitteln, die sie mit der Nahrung aufnehmen. Und sie werden gepeinigt von der Varroamilbe, die ihr Blut saugt. Varroa destructor, wie die Milbe wissenschaftlich treffend heißt, stammt ursprünglich aus Asien und befiel dort die Stöcke der Honigbienen. Wahrscheinlich durch unvorsichtige Wissenschaftler verbreitet, ist sie heute überall zu finden.
Doch es kann der Biene noch Schlimmeres blühen, wie im Frühjahr 2008 in Süddeutschland am Oberrhein geschehen: Das in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzte Pflanzenschutzmittel und Nervengift Clothianidin hat innerhalb weniger Tage mehreren Zehntausend Bienenvölkern alle Flugbienen geraubt. Berufsimker Fuchs-Bodde-Gottwald: „Für die betroffenen Imker und ihre Bienen war dieses Ereignis ein Supergau und führte allen Imkern die Bedrohung durch den zunehmenden Pestizideinsatz mit immer neuen Mitteln drastisch vor Augen.“ Dabei ist die Biene beim Anbau von Obst und Gemüse unentbehrlich. Äpfel, Kirschen, Kürbisse – ohne Apis mellifera, die Westliche Honigbiene, gingen die Ernteerträge um 80 bis 90 Prozent zurück. Zwar helfen bei der Bestäubung auch andere Insekten. „Aber die können einfach nicht mithalten“, sagt Holger Fuchs-Bodde-Gottwald. Der „Superorganismus Bienenvolk“ sei ihnen bei Weitem überlegen, weil alle anderen bestäubenden Insekten im Frühjahr nur in sehr geringer Anzahl vorhanden sind. Nur die Honigbiene überwintert als Volk mit großer Individuenanzahl und ist deshalb besonders für die Frühblüher von größter Bedeutung.
Also weg vom Land, ab in die Städte fliehen. Es klingt paradox, aber ein anderes Indiz für die These, dass die heutige Landwirtschaft für Bienen nachteilig ist, lässt sich daraus ablesen: dass in Städten gehaltene Bienenvölker weniger vom Bienentod bedroht sind und mehr Honig produzieren. Hier wird in Grünanlagen wesentlich weniger gedüngt und mit Giften hantiert als in der industrialisierten Landwirtschaft. Offensichtlich können Stadthonigbienen wohl auch deshalb mit der wissenschaftlich unumstrittenen Hauptbedrohung besser fertig werden, mit der Varroamilbe.
Und noch eine Entwicklung müsste der Biene eigentlich nützen, denn der deutsche Markt für Bioware boomt so stark, dass inzwischen fast jedes zweite Produkt importiert werden muss. Doch trotz der steigenden Nachfrage expandiert der Ökolandbau im Inland nur schleppend. Im Bundesdurchschnitt konnte sich der Biolandbau erst auf 5,6 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen etablieren. Niedersachsen kommt lediglich auf einen Flächenanteil von 2,9 Prozent und bildet damit das Schlusslicht aller Bundesländer. Im Gegensatz dazu belegt Niedersachsen den Spitzenplatz in der noch jungen agrarwirtschaftlichen Disziplin „Vermaisung“ – also im Anbau von Mais in Monokultur für Futtermittel und Biogasanlagen.
Wenn alle hier genannten Faktoren zusammen gesehen werden, die Verbreitung von Pestiziden und Insektiziden, der Rückgang eines vielfältigen Pollen- und Nektarangebotes und zudem der Befall durch eine von Wissenschaftlern verschleppte Milbe, scheint die nicht streng wissenschaftliche Betrachtungsweise angemessen zu sein, dass die Bienenvölker sich in einem Stadium allgemeiner Erschöpfung befinden. Massensterben ist die Folge. Das Summen wird leiser, immer mehr Orchester schweigen.